News

Die gern verdrängte Erkenntnis: Autoritäten lassen uns zu Mördern werden

Autoritäten gehorchen Arendt und Milgram

Unzählige Menschen fragen sich noch heute, wie es zu den schrecklichen, unmenschlichen Ereignissen während des 2. Weltkrieges unter dem NS-Regime kommen konnte. Oft wird dabei ausgeblendet, dass ganz normale Leute an der „Vernichtungsindustrie“ beteiligt waren. Fast 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges scheint dieses Thema immer noch nicht ganz aufgearbeitet zu sein. Die 1906 in Hannover geborene Philosophin und Politologin Hannah Arendt war eine der ersten die sich diesem kontroversen Thema angenähert haben.

Im Mai 1960 nahm der israelische Geheimdienst Mossad den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in einem Vorort von Buenos Aires Argentinien fest. Unter Hitler war Eichmann Leiter des für die Deportation der Juden zuständigen Referats des Reichssicherheitshauptamts gewesen. In dieser Position war er für die systematische Ermordung von Millionen Menschen in Konzentrations- und Vernichtungslagern verantwortlich.

Unter den vielen Journalisten im Eichmann Prozess befand sich auch Hanna Arendt. 1963 veröffentlichte sie in einer fünfteiligen Artikelserie für den New Yorker die zusammengefassten und erweiterten Berichte des Eichmann Prozesses. Nach der Ausgabe für den englischsprechenden Raum, erschien das Werk 1964 unter dem Titel „Eichmann in Jerusalem – ein Bericht über die Banalität des Bösen“ auch auf Deutsch. Das Buch mit einem Vorwort des Historikers Hans Mommsen hat international für Furore gesorgt und fand in verschiedenen Sprachen weite Verbreitung und ist immer noch erhältlich. Die gern verdrängte Erkenntnis in diesem Buch ist, dass Eichmann ein eher unbedeutender, unterwürfiger Beamter, wie es ihn überall gibt war. Ein folgsamer Empfänger von Weisungen, die er weiterleitete. Man könnte ihn als klassischen Bürokraten bezeichnen.

Hannah Arendt studierte Philosophie bei Martin Heidegger und Karl Jaspers und emigrierte als Jüdin 1933 erst nach Paris und dann nach New York, wo sie als Publizistin und Lektorin Anerkennung fand. Im Jahre 1963 wurde sie Professorin für Politologie an der Universität Chicago und nach 1967 lehrte sie an der New School for Social Research in New York. Im Jahre 1951 erschien ihr viel beachtetes Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“.

Die Autorin befasst sich darin mit zwei Grundströmungen der modernen Diktaturen, dem Antisemitismus und dem Imperialismus. Dann wendet sie sich der Analyse von Bolschewismus und Nationalsozialismus zu, die einander weitgehend gleichgesetzt werden: Zwischen Klassen- und Rassenmord gibt es für Hannah Arendt keinen grundsätzlichen Unterschied. Auch wenn Arendts Hauptwerk heute von den Fachhistorikern kritisch gesehen wird, gehört es doch zu den Pionierwerken der „Totalitarismus-Diskussion“, welche nicht nur Historiker und Politologen bis in die Gegenwart beschäftigt.

Sicherlich gibt es begründete Kritik am Best- und Longseller Buch „Eichmann in Jerusalem“. Der Historiker Joachim Fest sprach „vom grössten Skandal, den ein Buch in Jahrzehnten hervorgerufen hat“. Bereits der Untertitel schockierte. So fragten sich nicht nur die Überlebenden des Holocaust, ob Arendt mit Ihrer Analyse die von Eichmanns begangenen Verbrechen verharmlost, wenn man von der „Banalität des Bösen“ sprach? Ohne Zweifel war es das unauffällige, kleinbürgerliche Erscheinungsbild des Angeklagten Eichmann im von Polizisten umstellten Glaskäfig des Gerichtssaals, das die Berichterstatterin dazu verleitete, das Attribut „banal“ zu verwenden.

Schreibtischtäter und der blinde Gehorsam von Autoritäten

Soll „banal“ nicht darauf hindeuten, dass eben die Mehrheit von uns unbewusst ein „Eichmann“ sein könnte? Jedes Totalitäre System kann nur mit Hilfe von gehorsamen Bürokraten und Schreibtischtäter die den Anweisungen von Autoritäten gehorchen existieren. Zu diesem Ergebnis kam auch Stanley Milgram, ein US-amerikanischer Psychologe. Im berühmten Milgram-Experiment wird die Gehorsamkeit gegenüber Autoritäten auf schockierende weise gezeigt. Milgram bezieht sich darin unter anderem auf das Werk der Hanna Arendt „Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Dieses Konzept der Banalität des Bösen, so argumentiert er, komme der Wahrheit sehr nahe.

Die fundamentalste Erkenntnis der Untersuchung ist, dass ganz normale Menschen ihre aufgetragenen Aufgaben erfüllten und zu Handlungen in einem Vernichtungsprozess veranlasst werden können, ohne persönliche Feindschaft zu den malträtierten Menschen zu empfinden. Bei über 65% (bei späteren Experimenten sogar mehr) reichte es völlig aus, dass eine Autoritätsperson Sätze wie: „Bitte machen Sie weiter!“ – „Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen!“ – „Sie müssen unbedingt weitermachen!“ – „Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!“ sagte, und die Versuchsperson fuhr fort, einem anderen Menschen immer stärker werdende Stromschläge zu verabreichen, obwohl dieser Mensch unüberhörbar grosse Schmerzen empfand. Sie gingen sogar soweit, bis die Schreie verstummten und die Stromschläge offensichtlich zum Tode geführt haben.

Beim Original-Experiment gab es verschiedene Versuchs-Konstellationen. Wie zu erwarten, war die Bereitschaft der ausführenden Person, bis zum Äussersten zu gehen mit einem körperlich anwesenden „Wissenschaftler”, der Anweisungen erteilte, am höchsten. Ohne Anweisungen durch eine „Autoritätsperson” am niedrigsten. Wenn die angewiesenen Personen ihre “Opfer” sehen konnten (eine weitere Versuchsanordnung) war die Bereitschaft ebenfalls niedriger als wenn sie sie nicht sehen konnten.

1979 baute der Regisseur Henri Verneuil das Milgram-Experiment in seinem Film “I wie Ikarus” ein. Vordergründig handelt der Film von den Geschehnissen rund um einen Präsidentenmord in einem imaginären Staat; Parallelen zum Attentat auf John F. Kennedy waren wohl erwünscht.

Hier einen Auschnitt einer BBC Exclusive Dokumentation die auf RTL Crime ausgestrahlt wurde.

Was bedeutet das für die heutige Zeit?

Nachdem wir nun aus den Erkenntnissen von Arendt und Milgram für uns selber ein Bild machen können, drängt sich sofort die Frage auf, was das für die heutige Zeit bedeutet. Was bedeutet das für uns persönlich? Wir wissen jetzt, dass die Mehrheit unbewusst handelt und einfach nur gehorcht. Diese Tatsache sollte uns sensibilisieren für das was gerade jetzt auf der Welt passiert. Kann es tatsächlich sein, dass sich Menschen an offensichtlich unmenschlichen und kriminellen Aktivitäten beteiligen, nur weil man es ihnen sagt? Gilt es nicht generell Autoritäten immer in Frage zu stellen? Selbstverständlich ist mir bewusst, dass nicht gehorchen in vielen Bereichen zu Problemen führt. Schnell kann es sein, dass man Familie, Freunde, Job, Haus oder öffentliches Ansehen verliert, wenn man aus der Reihe tanzt und es wagt „Nein“ zu sagen.

Abschliessend möchte ich Stéphane Hessel, ein französischer Résistance-Kämpfer, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, Diplomat, Lyriker, Essayist, politischer Aktivist und Büroleiter des UN-Vize-Generalsekretärs zitieren: „Den Männern und Frauen die das 21. Jahrhundert gestalten werden, rufe ich aus ganzem Herzen und in voller Überzeugung zu: “Neues schaffen heisst Widerstand leisten. Widerstand leisten heisst neues schaffen “.

Quellen:

www.wikipedia.org

Total: 0 Besucher
T. Thuer

Über T. Thuer

Mensch und Journalist aus Leidenschaft

Hinterlasse einen Kommentar

Ihre Email wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder *